Lebendige Geschichte
Warum essen wir schimmeligen Käse? Wieso sind Popsongs dreieinhalb Minuten lang? Und warum beten wir mit gefalteten Händen?
VON PETER DOCKRILL
1 Worauf wurde Venedig erbaut?
Die ersten Siedler wählten die sumpfigen Inseln, weil diese Schutz gegen Eindringlinge aus dem Norden boten, die nach dem Zerfall des Römischen Reiches im 4. Jahrhundert (n. Chr.) über die Alpen kamen. Leider war es nicht so einfach, auf dem nachgiebigen, wasserdurchtränkten Boden eine Fischerhütte zu errichten, geschweige denn Steinbauten wie große Kirchen.
Zuerst trieben die Venezianer Pfähle in die Erde, in der vergeblichen Hoffnung, sie würden auf Grundgestein stoßen und könnten ihre Gebäude darauf setzen. Bis zum Mittelalter wurdenmit Erfolg größere Steinbauwerke auf Fundamente aus Hunderten von Kiefern- oder Lärchenstämmen gesetzt, die man in den weichen Boden gedrückt hatte. Danach bekamen die venezianischen Baumeister die Entwässerung allmählich in den Griff und schafften damit festeren Baugrund. Ein Staatsbeamter, der proto alle acque (Gewässeraufseher), koordinierte den Kanalbau.
2 Warum ist schimmeliger Käse eine Delikatesse?
Lebensmittel, die nur mit Mühen oder hohen Kosten zu bekommen sind, gelten als Delikatessen. Trüffel beispielsweise sind außerordentlich schwer zu finden und haben deshalb Seltenheitswert. Das gilt auch für den berühmten Roquefort, der aus Schafsmilch gemacht wird. Der sogenannte Käsebruch wird mit schimmeligen Brotkrümeln geschichtet, damit sich die blaue Äderung bildet.
Nach dem Salzen und Pressen darf er in den natürlichen Höhlenkellern von Roquefort in Südfrankreich bei konstanter Temperatur sehr langsam reifen. Ein Höhlensee sorgt für hohe Luftfeuchtigkeit. Nur diesen Höhlen entstammender Käse darf Roquefort genannt werden. Ähnlich exklusiv ist der englische Schimmelkäse Stilton.
3 Seit wann essen wir mit Messer und Gabel?
Bis weit ins 17. Jahrhundert hinein aßen die Menschen in Europa vorwiegend nur mit Messer und Löffel. Mehr brauchte man auch nicht, weil die Nahrung entweder trocken oder suppig war und daher geschnitten oder gelöffelt werden konnte. Große zweizinkige Gabeln benutzte man nur in der Küche bei der Zubereitung; allerdings hatten sich vornehme Speisende schon im antiken Griechenland und Italien eine Zeit lang einer kleineren Version bei Tisch bedient.
Die moderne gebogene vierzinkige Gabel wurde in Deutschland im 18. Jahrhundert erfunden. Um diese Zeit erhielt das Tafelmesser ein abgerundetes Ende – seine Funktion als Speisenspieß hatte sich überlebt. Erst im 19. Jahrhundert verbreiteten sich Gabeln in den USA, wo man sie oft als split spoons (Löffel mit Spalt) bezeichnete.
4 Warum gibt’s im Golfsport eine eigene Sprache?
Ähnliche Spiele gab es auch in China und den Niederlanden, aber die anerkannte Heimat des Golfs ist Schottland. Zum ersten Mal 1457 erwähnt, könnte Golf jedoch schon 200 Jahre früher gespielt worden sein. Musselburgh Links, östlich von Edinburgh, bezeichnet sich als den ältesten noch bespielten Golfplatz der Welt.
Die schottische Sprache gab uns den putt, abgeleitet von einem Wort für vorwärts treiben. Caddie stammt von der schottischen Form von cadet, die einen jungen Mann bezeichnet. Der Warnruf Fore! ist wohl ein Ableger der alten Gepflogenheit, forecaddies „voraus“ zu schicken und beobachten zu lassen, wo der Ball landet.
Die Golfersprache ist indes nicht nur schottischen Ursprungs. In fairway (Spielbahn) steckt der englische Seemannsausdruck für Fahrrinne. Bogey (mit einem Schlag über Par gespieltes Loch) entstand 1890 im Golfklub der englischen Stadt Great Yarmouth. Anfangs bedeutete es die Sollanzahl der Schläge pro Loch; angeblich leitet es sich von bogeyman her, dem Kinderschreck Butzemann, der bezwungen werden musste. Da gute Golfer mit verbesserten Bällen regelmäßig weniger Schläge brauchten, führte man den Begriff par (im Sinne von Standard, nach lat. par = gleich) für eine niedrigere Sollzahl ein.
Birdie (mit einem Schlag unter Par gespieltes Loch) kommt aus den Vereinigten Staaten. Um1900 sollen Spieler im Country Club Atlantic City in New Jersey eine solche Schlaganzahl a bird (gut, eigentlich Vogel) genannt haben. Zwei unter Par wurden dann zum Eagle (Adler), drei unter Par zum Albatross.
5 Wieso klingen moderne Geigen nicht wie Stradivaris?
Antonio Stradivari (1644-1737) war der größte Meister in einer Reihe von Geigenbauern, die im 17. und 18. Jahrhundert in der oberitalienischen Stadt Cremona wirkten. Alle etwa 600 erhalten gebliebenen Stradivari-Geigen erzielten bei Auktionen Rekordpreise: 2006 wurde die „Hammer“ für rund 3,5 Millionen Dollar verkauft.
Seit Jahrhunderten versuchen Geigenhersteller, Musiker und Wissenschaftler aufzudecken, was eine Stradivari zu etwas Besonderem macht. Liegt es an der Form, den Wölbungen und den subtil variierten Holzdicken der sorgfältig aus dem massiven Material geschnittenen Platten? Oder an den F-Löchern in der Decke? Oder ist es der Innenaufbau? Vielleicht entscheidet die Qualität des Holzes. Stradivari suchte Fichte, Ahorn, Weide oder Pappel aus und prüfte das Holz während der gesamten Bauphase auf seinen Klang.
Lange glaubte man, das Geheimnis liege in Stradivaris Lack, dessen Rezeptur heute verloren ist. Aber die meisten Stradivaris sind seit dem 18. Jahrhundert neu lackiert worden. Und viele wurden baulich den sich verändernden Anforderungen der Orchesterpartituren angepasst. Im 19. Jahrhundert bekamen sie längere Hälse und höhere Stege zur Ausführung vielschichtigerer Musik.
Die Antwort scheint in einem Zusammenwirken von Konstruktion und Alter zu liegen. Geigen brauchen Zeit um abzulagern, und Gebrauch verbessert ihren Klang, ein Faktor, den moderne Geigenbauer nicht reproduzieren können.
6 Wie entstand der japanische Kampfsport Sumo?
Sumoringen ist Jahrtausende alt und zählt zu den traditionellen Sportarten, die mit der Shinto-Religion verbunden sind – wie auch Kyudo, die Kunst des Bogenschießens, und Kemari, ein uraltes Fußballspiel. Ringkämpfe fanden als eine Art kultischer Tempeltanz zur Unterhaltung der Kami (Shinto-Gottheiten) statt, von denen man sich Schutz und gute Ernten erhoffte.
Der Ablauf der rituellen Konfrontation – körperliche Überlegenheit, demonstriert in kurzen Hochleistungsschüben – machte großes Körpergewicht erstrebenswert. Die Ringer entwickelten dazu eigene Ernährungs und Ruhemethoden, die ihnen zu mehr Gewicht verhalfen. Später wurde das Sumoringen Hofzeremoniell. Kaiser, Shogune und Daimyo (Territorialfürsten) begeisterten sich dafür, belohnten Meister mit Reichtum und Samuraistatus.
Als die Küstenstadt Kamakura Residenz der Shogune war (1192-1333), erhielt das Sumo als Kampfsport feste Regeln und entwickelte sich zu einem Berufssport, oft bestritten von Ronin (Samurai ohne Lehnsherren). Die strenge Hierarchie unter den Ringern wurde im 18. Jahrhundert eingeführt.
7 Weshalb dauern Popsongs oft dreieinhalb Minuten?
Die Entstehung der Popmusik fiel mit der Umstellung der Schallplattenproduktion auf Vinyl 1948 zusammen. Davor wurden die Platten aus sprödem Schellack gepresst und auf Grammofonen mit 78 Umdrehungen pro Minute abgespielt. Vinyl ist haltbarer, liefert eine bessere Tonqualität und ist außerdem billiger in der Herstellung. Die 18-Zentimeter-Vinylscheibe mit 45 Umdrehungen pro Minute wurde 1949 eingeführt und stieg rasch zu dem Standardformat für Popsongs auf.
Den Ausschlag gab die Eignung der neuen Platten für die Musikautomaten. In Klubs, Gaststätten und Tanzsälen aufgestellt, waren die Boxen der Schlüssel zur Bindung der entstehenden Jugendkultur an die Popmusik. Nur erklärt das Plattenformat allein nicht, warum die meisten Popsongs drei bis dreieinhalb Minuten dauern. Eine 18-Zentimeter-Platte bietet nämlich Platz für doppelt so lange Songs, wie beispielsweise der Song Hey Jude von den Beatles mit 7,05 Minuten zeigt.
Dreieinhalb Minuten könnte auch einfach das Maß der normalen Aufmerksamkeitsdauer bei Hörern sein. Die berühmtesten Opernarien sind kurz; die Habanera in Bizets Carmen dauert gewöhnlich dreieinhalb Minuten, was übrigens auch auf viele Operetten-, Kirchen- und Weihnachtslieder zutrifft.
Diverse Anforderungen verstärken heute den Trend zum Dreieinhalb-Minuten-Song. Vor allem die kommerziellen Radiosender verlangen nach kurzen Popsongs. Werden die Hörer nämlich unruhig, schalten sie womöglich zu einem anderen Sender um. Über dies sorgen kurze Titel für reichlich Werbepausen. Auf CDs und als MP3-Datei können Musikstücke zwar praktisch jede Länge haben – aber die Stücke in den Charts sind nach wie vor etwa dreieinhalb Minuten lang.
8 Warum faltet man die Hände zum Gebet?
Wir wissen aus Grabfunden, dass die ersten Christen mit erhobenen Armen und emporgehaltenen Handflächen beteten. Oranten (Betende) heißen diese Figuren. „Ich will, dass die Männer an allen Orten beim Gebet ihre Hände in Reinheit erheben“, schrieb der Verfasser der Timotheus-Briefe. Es ist unklar, wann im Christentum das Händefalten zum Gebet begann; es könnte mit dem mittelalterlichen Brauch der Kommendation zusammenhängen, dem feierlichen Treueversprechen eines Lehnsmannes an den König. Bei der Andacht verhelfen gefaltete Hände und geschlossene Augen der Seele zu Ruhe.

